Donnerstag, 16. Juni 2011

Rückschau Saisonvorbereitung 2010 Venlo

Letzten Sommer hatte ich mich dazu entschlossen, das Vorbereitungsspiel der Borussia in Venlo anzuschauen. Diese Partie erschien mir deshalb interessant, weil mir das kleine Venloer Stadion nur von außen bekannt war. Der Stadionvorplatz wurde früher (so wird’s wohl auch noch heute sein) an Deutschen Feiertagen von uns zum Parken genutzt, weil die Deutschen wie die Heuschrecken über das kleine holländische Grenzstädtchen hergefallen sind und man deshalb etwas außerhalb parken musste. Zudem war Fußballlose Zeit und ich fieberte schon der neuen Saison entgegen.


Meine Frau hat mich natürlich für komplett bescheuert erklärt genau an diesem Tag nach Venlo zu fahren. Mit einfach nur bescheuert hat sie ja grundsätzlich recht und was die Sache für meine Frau komplett machte, war die Tatsache, dass ich auf dem Zugweg nach Venlo in Duisburg und Viersen umsteigen musste. Dies ist unter normalen Umständen kein Problem aber an diesem Tage sollte die Loveparade in Duisburg stattfinden und als Auskennerin in Sachen Zugverkehr kam von ihr der nicht unberechtigte Einwand, dass an diesem Tage im HBF Duisburg wohl das Chaos herrschen  würde. Ich wollte dem Chaos auf der Hinfahrt entgehen, indem ich zeitig losfahre. Dies tat ich auch und ich fuhr mit einem Ticket für das Stadion De Koel in Venlo einem sonnigen Tag entgegen.


Im Vorfeld des Vorbereitungsspiels wurde von den holländischen Behörden angeregt, dass die Besucher der Partie aus Deutschland geschlossen per Bus anreisen und die Tickets nur gegen Angabe der Personalien ausgegeben werden.  Nun meine Personalien habe ich wohl zwangsläufig abgegeben, da ich das Ticket per Internet bei Borussia bestellt habe. Die Sache mit der geschlossenen Anreise wurde kurz davor gecancelt. Solch einen Heckmeck hätte ich auch nicht mitgemacht. Mir liegt schon eine wenig an meiner Freizügigkeit und es reicht mir schon völlig, dass ich meine An- und Abreise vom Zugfahrplan abhängig machen muss. Da will ich mich nicht noch weiteren Zwängen und Gängeleien unterwerfen müssen. Keine Ahnung, was die Holländer an diesem Tag erwarteten, aber im Vorfeld wurde viel über die sonst bei deutsch – holländischen Duellen übliche Feindschaft berichtet. Dass dies alles auf das Verhältnis von Mönchengladbach und Venlo gar nicht zutrifft weil man sich eher freundschaftlich gesonnen ist, schien die Behörden nicht zu interessieren. Der Verein VVV Venlo (Venlose Voetbal Vereniging Venlo) hatte sich für diesen Nachmittag ein Vorbereitungsspiel mit familiärem Charakter vorgestellt und dies ist auch, soviel sei verraten, gelungen. Den Deutschen wurde behördlicherseits gesagt, dass die Anreise ohne Ticket sinnlos wäre und es am Stadion nichts mehr für  sie gäbe. Trotzdem reisten einige Borussen ohne Tickets an und wurden am Bahnhof von der Polizei zum Einkaufen links herum in die Stadt geschickt. Wer ein Ticket in der Tasche hatte durfte rechts rum.  Man konnte mit einem Linienbus fahren aber bis man mal in fremden Ortschaften herausbekommen hat, wie das geht, ist man auch schon zu Fuß ans Ziel gelangt. Dies dauerte höchstens 20 Minuten und von einem hochbrisanten Spiel war nichts zu spüren.  Die spärlich Anwesende Polizei am Bahnhof machte mehr den Eindruck einer Strandaufsicht und unterwegs oder am Stadion war überhaupt keine Polizei zu sehen. Aus einer Kneipe kamen dunkel gekleidete Gestalten, die finster dreinblickend irgendeiner wichtigen Erledigung entgegen eilten.  Keine Ahnung, ob es Deutsche oder Holländer waren, jedenfalls schienen sie für eine Komparsenrolle in Football Factory II zu üben. Am Stadion -welches über knapp 6000 Plätze verfügt- angelangt, stellte sich sehr schnell heraus, dass es kein Problem gewesen wäre, ein Ticket für das Spiel vor Ort zu kaufen. Dabei hätte auch die Nationalität keine Rolle gespielt. Überhaupt war das Publikum sehr gemischt und Borussen und Holländer standen gemeinsam am Bierstand oder saßen nebeneinander auf der Tribüne. Das angebotene Bier der Lindeboom Bierbrouwerij hat mir übrigens sehr gemundet.  Erwähnenswert fand ich auch die Gestaltung des Gästeblocks.  Es ist ja bekannt, dass der holländische Fußball, durch immer wiederkehrende Krawalle stark in Verruf geraten ist. Dadurch hat man als Fan einige Hürden zu überwinden, bevor man ein Auswärtsspiel besuchen darf. Und hat man dann das Auswärtsstadion erreicht, dann erblickt man zumindest  in Venlo erstmal einen völlig abseitig gelegenen Gästeeingang. Dieser ist komplett, bis zum Block hin gegenüber allen anderen Bereichen verhangen, so dass kein Blickkontakt zu anderen Stadionbereichen besteht. Hinter dem Gästeblock gibt es Verkaufsbuden für Bier und Wurst (naja, was die in Holland s als Wurst bezeichnen),  die komplett vergittert sind. Ich habe mir den Gästeblock und das Spiel von da aus nur kurze Zeit angeschaut und bin dann auf die Tribüne gewechselt. Dort war es einfach netter. Gerne hätte ich mir im Fanshop ein Venlocap gekauft, aber die Vereinsfarben (schwarz-gelb) fand ich einfach zu scheußlich. Das Fußballspiel selber war eigentlich nicht großartig erwähnenswert. Sommerfußball und Vorbereitungsspiel gingen eine unerquickliche Symbiose ein. So machte ich mich auf den Heimweg und da es am Bahnhof Venlo nur ökotrophologischen Unfug zu kaufen gab, habe ich mir noch zwei kalte Dosen Bier gekauft. In Viersen endete die Reise abrupt. Ein Zug stand zwar am Gleis aber die Fahrgäste lungerten auf dem Bahnsteig herum und rauchten und telefonierten. Dies verhiss nichts Gutes. Ein ältere Herr krakeelte stockwedelnd:“10 Tote hats gegeben in Duisburg! 10 Tote!“ „Spinner“, dachte ich bei mir griff zum Mobiltelefon und rief zuhause an. Es waren sogar noch mehr Tote, musste ich erfahren. Massenpanik. Ich stand wie vom Donner gerührt auf dem Bahnhof Viersen und stellte mich auf eine sehr lange Heimreise ein.  Irgendwann fuhr der Zug tatsächlich los und es befanden sich darin noch sehr viele junge Menschen, die sich frohgelaunt auf den Weg zur Loveparade nach Duisburg machten. Da ich davon ausging, dass zu diesem Zeitpunkt jeder im Zug wusste, was in Duisburg geschehen ist, fand ich es schon sehr merkwürdig, dass diese Leute nicht auf der Stelle die Heimreise antraten. Besonders fröhlich gebärdete sich eine Reisegruppe mit russischen Jugendlichen. Auf meine Frage hin, ob sie denn noch tatsächlich zur Loveparade wollten, bekam ich ein fröhliches „Na, klar“, zu hören und man streckte mir die Vodkaflasche entgegen. Wortlos nahm ich zu deren Erstaunen einen kräftigen Schluck. Den brauchte ich auch. Der Zug machte einen erneuten Stopp von ungefähr einer halben Stunde in Rheinhausen. Dann ging es weiter in Richtung Duisburg. Bei der Einfahrt in den Bahnhof Duisburg sah ich das Gelände der Loveparade. Die dahinterliegende Autobahn und die Autobahnbrücke standen voll mit Krankenwagen, Hubschraubern und Polizeifahrzeugen. Unzählige, zuckende Blaulichter. Davor das pechschwarze Gelände mit bunten Wagen, umhertrabenden und zuckenden Menschen und darüber ein wummernder Musikteppich in einer riesigen Staubwolke. Ein bizarres Bild bei dem mir die Tränen in die Augen schossen.  In Duisburg musste ich umsteigen. Ich stieg aus dem Zug aus und ging die Treppe zum Bahnhofstunnel runter. Dort blökten Menschen in neongelben Westen alle Reisenden an: „Raus, raus, raus, alle raus hier!“ und dirigierten mich und alle anderen zum Ostausgang. Wer das nun war, war nicht erkennbar, da an diesem Tag jeder, der ein bischen was zu sagen hatte in  Duisburg eine gelbe Weste trug. Einheitskleidung für Polizei, Bahnsicherheit, Ordnungspersonal und Reinigungskräfte. Ein Stückchen weiter am Busbahnhof  versuchten tausende in den Bahnhof zu gelangen. Der Bahnhof war gesperrt und die Menschenmasse war aggressiv  und  total verdreckt vom Festivalgelände.  Manche waren verängstigt und weinten, andere orientierungslos.  Ich habe mich neben ein Polizeiauto, aus dem heraus Durchsagen gemacht wurden, gestellt um die Durchsagen verstehen zu können.  Zu meinem Glück wurde die baldige Abfahrt von Bussen in mehrere Ruhrgebietsstädte verkündet. Ich begab mich zum Abfahrtspunkt und binnen von 2 Minuten hielt dort auch ein Bus mit einem Schild „Oberhausen“ vorne drin. Der Bus befüllte sich in Sekundenschnelle mit Menschen, die es sehr eilig hatten, Duisburg zu verlassen. Der kurzfristig eingesetzten Busfahrerin wäre fast ein kleiner Fauxpas passiert. Da sie sich nicht so recht auskannte stand sie in der Autobahnauffahrt nach Venlo. Hektisch wies ich sie darauf hin, dass ich da gerade erst hergekommen bin und sie doch bitte, die andere Auffahrt Richtung Oberhausen nehmen sollte. Dies tat sie dann auch und ein befreiendes Gefühl machte sich in mir breit je weiter wir Duisburg hinter uns ließen. Ich lotste die Fahrerin zum Hauptbahnhof und ging nach Hause. Dort habe ich mich vor den Fernseher gesetzt und in einer Endlosschleife die Geschehnisse des Tages der Loveparade in Duisburg verfolgt und wieder einmal die Binsenwahrheit, dass es nun mal auch Wichtigeres als Fußball gibt, auf brutale Art erkennen müssen.