Montag, 6. Juni 2011

Zwölf zu Null


Ende April des Jahres 1978 herrschte große Aufregung im Elternhause des Bloggers. Das Kind hatte zwei Jahre Konfirmandenunterricht nicht nur überstanden, sondern auch mit seinem schon so früh ausgeprägten Hang zur Klugscheißerei bereichert,  so dass er nun den ersten Schritt ins Erwachsenenleben gehen sollte.

Am Freitag vor diesem Großereignis reiste schon mal die Verwandtschaft aus Norddeutschland an. Doch der kleine Korinthenkacker hatte ganz andere Sorgen. Am Samstag dem 29.04.1978 sollte der letzte Spieltag der Bundesliga stattfinden und die Tabellensituation stellte sich folgendermaßen dar: 



1.
(1.)

33
21
4
8
81:41
+40
46:20
2.
(2.)

33
19
8
6
74:44
+30
46:20



Die Fortuna aus Düsseldorf lag mit 39 Punkten abgeschlagen auf dem dritten Platz. Köln hatte bei St. Pauli zu spielen. St. Pauli stand  als Absteiger fest. Gladbach musste im Rheinstadion gegen die graue Maus Dortmund spielen. Eigentlich sollte da für die Kölner nichts mehr anbrennen. Es sei denn, die Borussia schießt die Dortmunder mit einem Rekordsieg ab. An so was glauben eigentlich nur dubiose Wettpaten oder Kinder halt. Der kleine Optimist hat daran geglaubt und war ganz versessen darauf, das Spiel zu sehen. Doch was sollte er tun? Sollte er zu seinen Eltern gehen und verkünden: „Ich fahre morgen nach Düsseldorf und schaue mir den Rekordsieg der Borussia an. Ihr könnt euch derweil mit der buckligen Verwandtschaft vergnügen, die wegen mir hier angereist ist.“ Wäre  ja auch komplett gelogen gewesen, denn der Verwandtschaft wollte er keinesfalls vor den Kopf stoßen, weil sie ja auch mit dem festen Willen angereist ist, großzügige Sach- und Geldspenden darzubringen. 

Von unruhigen Träumen mit weißgekleideten Fußballspielern, die „Erdgas“ auf der Brust stehen haben und ein Tor nach dem anderen schießen und  danach einen großen silbernen Teller in den Himmel recken geplagt, ging der kleine Träumer am frühen Morgen des 29.04.1978 sich den Schlaf aus den Augen reibend in die elterliche Küche und erblickte dort Mama, Papa, Brüder, Schwester, Onkel, Tante, Kuseng und Kusine beim Frühstück. Irgendwie roch es nach Zoobesuch oder Kaninchenzüchterausstellung in der Gaststätte Krummen. Die Borussia stand vor einem historischen Sieg und der kleine Konfirmand sah sich schon mit einer Packung Pitjes in der Hand und in kurzen Hosen an stinkenden Karnickelställen vorbeidefilieren.

Mein Onkel, selber HSV – Anhänger, rettete mich. Er war wohl immer noch fuchsig, dass die Borussia am vorletzten Spieltag ein 6:2 in Hamburg geholt hatte, erhob sich vom Küchentisch und sprach:“ Na, dann wollen wir doch mal sehen, was deine Borussen denn wirklich so können.“ Das war das Signal für alle anwesenden „Männer“, dass es heute zum Fußball gehen sollte. Wir fuhren zum Bahnhof Kleinenbroich und erstanden dort am Kiosk die benötigten Tickets  Mit dem Auto ging es dann nach Düsseldorf. Ich hatte meine Kutte an. Es war eine Jeansjacke, bei der die Ärmel abgeschnitten waren und aus einer alten Fahne die Raute und der Mönchengladbach Schriftzug ausgeschnitten hinten drauf genäht waren. Vom Spiel selber weiß ich nicht mehr viel. Ich weiß noch, dass Wolfgang Kleff kurz vor Schluss noch eine Glanzparade hinlegen musste und dass ich nach Spielschluss auf meinem Sitz stand und die Kutte stolz in den Himmel gereckt habe. Zu diesem Zeitpunkt war völlig unklar, ob wir denn nun Meister sind oder nicht. Erst auf der Rückfahrt informierte uns WDR 2 im Autoradio darüber, dass die Kölner durch ein 5:0 gegen St. Pauli Meister wurden. Das war mir aber egal, denn ich hatte ein geiles Spiel gesehen und mein Onkel schwieg, was selten genug vorkam.

Von meinem Onkel bekam ich tags darauf eine Timex Digitaluhr zur Konfirmation geschenkt. Mein Kuseng hielt mir bis dahin immer seine Digitaluhr vor, bei der man extra noch einen Knopf drücken musste, um die rote Digitalanzeige zu sehen. Der konnte also auch einpacken.

So hatte der kleine Borusse Ende April 1978 ein super Wochenende und sorgt heute, als großer Borusse, allein mit der Bemerkung dabei gewesen zu sein, für offene Münder bei seinen eigenen kleinen Borussen.