Die üblichen Horden von Borussenfans, die aus dem Ruhrgebiet zu den Heimspielen fahren waren diesmal nicht unterwegs. Der Zug blieb ungewöhnlich leer und die Farben der Borussia waren nur sehr spärlich vertreten.
Damit es mich auf der Fahrt nicht allzu sehr anödet, nehme ich meist ein Buch mit. Die Landschaft habe ich schon mehrere hundert Male gesehen und so lohnt der Blick aus dem Fenster nicht sonderlich. Diesmal begleitete mich Georg Ringsgwandl mit „Das Leben und Schlimmeres“ auf der Fahrt. Kurze Geschichten von einem gehässigen Menschen für gehässige Menschen geschrieben. Ein bösartiges Amüsement ist dieses Buch und so verging die Fahrt, ohne dass im mich langweilen musste. Ein Blick über den Buchrand verriet mir, dass die Herren Söhne ein wenig blass und müde aussahen. Kein Wunder, sie sind ja auch wesentlich später heim gekommen, als ich es erlaubt habe. Ich habe keine Ahnung, ob das an schleichendem Autoritätsverlust liegt oder ob das der vergebliche Kampf gegen die Windmühlen der Pubertät ist. Naja, Hauptsache die Jungs gehen mit Freude zur Borussia und stehen auch dazu. Sie haben ja auch in den letzten Jahren viel einstecken müssen und ein in jungen Jahren erlebter Bundesligaabstieg trägt durchaus zur Charakterschulung bei.
Am Hauptbahnhof Mönchengladbach war keine Polizei zu sehen. Um diesen Missstand zu beseitigen fuhren wir mit dem Bus bis zum Polizeipräsidium und gingen den Rest zu Fuß. Es ist eigentlich kein weiter Weg. Wir gingen aber zuerst zum Gästeeingang und wurden vom Ordner einmal um den Pudding geschickt. So gingen wir vorbei an mehren Sportanlagen, alten Kassenhäuschen und dem Stadion des Rheydter Spielvereins, welches eine hübsche Tribüne mit eingebauter Gastronomie hat und direkt neben dem Grenzlandstadion liegt. Rund ums Stadion war dann auch wieder mal mehr Polizei präsent, als nötig. So werden keine Überstunden abgebaut.
Im Rund des Stadions waren wohl nachher knapp über 2000 Zuschauer, die sich über frisches Bitburger und einen kräftigen Sommerregen freuen konnten. Dies nutzte ich um der Jugend zu veranschaulichen, dass man früher auf dem Bökelberg dem Wetter hilflos ausgeliefert war. Heutzutage ist ja eigentlich völlig egal, ob es regnet oder schneit. Das kurze Stück vom Bus zum Stadion bietet dem Wettergott die einzige Möglichkeit sein garstiges Spiel zu treiben.
Vor dem Spiel wurde, wie bei Bundesligaspielen üblich, die „Elf vom Niederrhein“ über den Lautsprecher geschickt. Da die Fans teilweise zu verschiedenen Zeiten mit dem Gesang einsetzten und die Lautsprecher scheppernd versuchten den Takt vorzugeben, ergab sich ein kakophonisches Klangbild. Das Spiel selber begann etwas holprig, was bei einem Testspiel zu solch einem Zeitpunkt auch völlig normal ist. Bei der Borussia spielte ein Japaner zur Probe dessen Name wie ein dermatologischer Fachbegriff klang. Er durfte auch als einziger Feldspieler die gesamten 90 Minuten durchspielen. Die Schotten schienen keine Japaner zu mögen, denn dieser wurde von den Gästen mehrfach übel umgenietet. Zu hart die Gangart für ein Vorbereitungsspiel aber wer sich Schotten zum Testen einlädt, muss wohl mit so was rechnen. Bei einem Revanchefoul des Japaners gab es Szenenapplaus von der Tribüne. Das ist das Proletenhafte am Fußball, welches ich so sehr liebe.
Nachdem die Borussia durch einen dämlichen Torwartfehler in Rückstand geraten ist ging man mit einem 1:1 in die Kabine. Dies wurde auch von Ewald Lienen beobachtet, den ich als Spieler bei der Borussia sehr gemocht habe, weil er sich weigerte Autogramme zu geben und dessen soziales Engagement nicht bloße Attitüde war.
Die Halbzeitpause verlief regenfrei. Mit dem Anpfiff der zweiten Halbzeit begann auch der Regen wieder einzusetzen. Tobias Levels wurde von den Fans gefeiert, die Borussia wechselte fröhlich ein und aus und erspielte sich in einer kurzweiligen, zweiten Halbzeit einen 5:2 Sieg.
Mit dem Bus ging es zurück zum Hauptbahnhof. Während der Wartezeit am Polizeipräsidium, bekam man von anwesenden Schotten deutlich vorgeführt, dass man sich sein Schulenglisch getrost wohin stecken kann. Am Hauptbahnhof haben wir ein wenig Verpflegung für den Heimweg gekauft und im Zug wäre ich beim Lesen fast eingeduselt. In Krefeld aber muss wohl wieder so eine Nazidemo stattgefunden haben. Jedenfalls stiegen dort einige von dieser Sippe in unseren Zug und sangen „Hurra, hurra, die Nazis die sind da.“ Aber nicht mit Schmackes sondern ein wenig schüchtern und verhalten. Die Faschos waren auch schon mal schneidiger. Ein bisschen mehr Inbrunst hätte man schon erwarten dürfen. Dazu sahen diese Exemplare auch noch dermaßen -dem Klischee entsprechend- blöde aus, dass man blind drauf wetten konnte, dass niemand von denen Tierarzt werden wird.
In Oberhausen angekommen, flüchteten wir vor den „Oberhausen Ole“ Partygängern, die wenigstens mit Engagement ihre zotigen Lieder zum Besten gaben.