Meine beiden fußballbegeisterten Söhne wechseln sich immer ab bei der Begleitung zu den Heimspielen. Zum Spiel gegen Wolfsburg hatte sich einer von beiden schon bei der Bekanntgabe des Spielplans angemeldet. Bei ihm ist seit einem Auswärtsspiel in Wolfsburg ein abgrundtiefer Hass auf diesen Verein vorhanden. Dazu beigetragen hat wohl das schlechte Abschneiden der Borussia bei diesem Spiel, die unermessliche Hässlichkeit der Stadt Wolfsburg und die Viehhaltung im Gästeblock der „Kraft durch Freude-Arena“. Ich selber hatte auch fast nur schlechte Erinnerungen an diesen Verein, konnte aber auf das Pokalfinale 1995 verweisen.
Am Bahnhof Mönchengladbach nahmen wir dann den Bus-Shuttle Richtung Stadion. Darin unterhielt man sich über das kommende Länderspiel gegen Belgien in Düsseldorf („Kann dir über Fortuna Karten besorgen“), darüber dass jedes Kind ein eigenes Zimmer im Haus hat („Das war jetzt das dritte. Habe zu meiner Frau gesagt, dass jetzt Schluss ist.“) und darüber wie betrunken man denn beim Länderspiel „damals“ gegen Kolumbien war („Arsch voll Anthrazit“). Beim Eintreffen am Borussia-Park wurden, wie üblich, die Ortunkundigen beim Anblick des Hockeystadions veräppelt. „Jaja, das ist das Stadion“, und erst als der Bus stand, wurde der Blick in die richtige Richtung gelenkt und die Verwirrung im selbigen genossen. Vorbei an den Flaschensammlern ging es erstmal ins Pinkelwäldchen und bei Fischbrötchen (ich) und Bratwurst (Sohn) wurde danach die Schlusskonferenz der zwoten Liga geschaut. Das Spiel begann flott und die ersten Spielzüge der Borussia waren vielversprechend. Was dann kam war einfach nur geil. Die Führung der Wolfsburger war nicht von langer Dauer und dann spielte die Borussia wie im Rausch und hätte durchaus noch höher gewinnen können. Es war einfach herrlich. Es wurde kombiniert und nicht nur gekämpft, sondern auch richtig schön Fußball gespielt. Die Fans in der Kurve schauten sich an und konnten nicht fassen, was sie auf dem Rasen zu sehen bekamen. Die Älteren (da muss ich mich wohl dazu zählen) hatten Pipi in den Augen und fühlten sich an alte Zeiten erinnert. „Zwick mich mal“, „Bin ich hier im richtigen Stadion?“ oder „Ist das die gleiche Mannschaft wie in der letzten Vorrunde?“ waren die meistgehörten Sätze. Ich hoffe, wir werden noch viele solcher Spiele erleben aber wir sollten einfach den Moment genießen. In der letzten Saison haben wir uns irgendwie und mit Widerwillen ins Stadion geschleppt und jetzt werden wir mit Fußball belohnt, der alle Wunden zu heilen scheint. „Weiter so!“, mag man den Spielern zurufen.
Ein Plakat aus dem Block 1900 sei noch erwähnt: „HOPPsala, da hat sich wohl jemand im Ton vergriffen?“. Der Herr Hopp sollte wirklich mal ein wenig dickhäutiger werden. Und nicht immer die beleidigte Leberwurst spielen. Das Publikum beim Fußball ist halt noch nicht überall zu einem Operettenpublikum verkommen. Als strahlendes Beispiel dafür möge ihm Calli Calmund dienen. Wenn der zu seiner Amtszeit in Leverkusen als Michelinmännchen im Maßanzug ins Stadion tapste, versuchten wir ihn mit „Fette Sau, Fette Sau, Fette Sau!!“ zu verhöhnen. Calli aber winkte fröhlich und selbstzufrieden den Hassgesängen entgegen. Das nenne ich ein dickes Fell. Genauso zufrieden machten wir uns am späten Freitagabend auf den Heimweg und im Gegensatz zur letzten Saison forderte auch niemand im Bus den Kopf des Präsidenten oder ein Amt für den Tiger.