Viel Schweiß sollte noch an meiner Stirn herunter rinnen, bevor der Schiedsrichter den erlösenden Pfiff tat. Drei wichtige Punkte eingefahren und in der Spitzengruppe festgesetzt. Mönchengladbach tatsächlich mal die positive Überraschungsmannschaft. Dies ließ auch darüber hinwegsehen, dass die Busse zum Bahnhof den ganzen Nachmittag in der Sonne gestanden haben und dementsprechend aufgeheizt waren. Egal, in der Bahnhofsdrogerie kauften wir ein, um den Flüssigkeitsverlust währende der Heimfahrt auszugleichen. Im klimatisierten Regionalexpress blieben uns diesmal die fast schon üblichen „Türken, Zigeuner und Juden – Gesänge“ erspart. So erreichten wir körperlich und geistig entspannt die Heimat und während die Jugend noch zum Feiern ging, musste ich bald danach schon an der Matratze horchen. Mit den Gedanken an winterliche Kleidung, eisigen Temperaturen in der Kurve, steif gefrorenen Füßen und verstohlenen Schlucken aus dem ins Stadion geschmuggelten Flachmann schlief ich ein.
Sonntag, 11. September 2011
Der nörgelige Tag
Es gibt so Tage, da hat man keine Lust, aus dem Hause zu gehen. Der letzte Samstag war so einer. Es wurde ein schwül-warmer Tag vorhergesagt und das alleine konnte mir den Tag schon madig machen. Während die meisten meiner Mitmenschen den Sommer genießen, bereitet mir die Wärme und vor allem die Schwüle, miese Tage. Ich schwitze die ganze Zeit und fühle mich einfach unwohl. Ich höre nicht auf zu triefen und es ist als würde die warme Luft ständig auf mir drücken und den letzten Rest an Flüssigkeit aus mir herauspressen. Man kann sich natürlich nicht in den Keller setzen und sich grämen. So ist halt der Sommer in unseren Gefilden. So bin ich also an diesem Tage in der Früh erstmal mit meiner Frau nach Köln Mühlheim gefahren. Dort gibt es einen italienischen Supermarkt, der jedes Jahr im September ein „Festival Italiano“ feiert.
Dort kann man sich dann durch sämtliche italienischen Leckereien, wie Käse, Salami, Schinken, Nudeln, Wein und Pizza naschen. Leider muss man dazu ertragen, dass ein dicklicher Alleinunterhalter schon am frühen Morgen versucht, die Gäste mit seinem „My Way“ heimwärts zu orgeln. Wir erledigten ungerührt unsere Einkäufe und naschten hier und da von den dargebotenen Leckereien. Leider gab es auf dem Festgelände kaum einen Schatten und auch wenn es nur italienisches Bier gab, so hätten wir doch gerne ein Frischgezapftes gehabt. Leider hatte der zuständige Zappes eine extrem lange Kippenpause gehabt, so dass wir zu den Klängen des Alleinunterhalters, dem wir gerne eine Zigarette gegönnt hätten, von dannen zogen. Über die Keupstrasse gingen zum Bahnhof. Schade, dass wir unser Geld schon beim Italiener verpulvert hatten. Hier hätten wir es noch für Brautkleider, Sesamringe, Haareschneiden und güldenes Geschmeide ausgeben können. Nachdem es mir gelungen war, der Sonne und der Hundescheiße auszuweichen bestiegen wir den Regionalexpress Richtung Heimat. Proppevoll aber gotttlob klimatisiert. So widmete ich mich halt stehend meine Reiselektüre. „101 Reykjavik“ von Hallgrímur Helgason. Ein Buch über das wilde und ungezügelte Leben auf Reykjaviks Partymeile, dem Erwachsenwerden und die damit einhergehende, brutale Ernüchterung. Amüsant und mit viel Wortwitz geschrieben. Also eigentlich nichts für mich. Ich trennte mich von meiner Frau. Ich stieg in Düsseldorf aus und sie fuhr weiter heim. In Düsseldorf nahm ich dann den nächsten Zug nach Mönchengladbach. Unklimatisierter Doppelstöcker. Die rollende Hölle. In Mönchengladbach angekommen, hatte ich noch Zeit bevor ich in den Zug, mit dem mein Sohn anrollen sollte zustieg. Also holte ich mir ein kühles Pils im Drogeriemarkt und setzte mich auf den Bahnsteig in den Schatten und las weiter in meinem Buch. Dort wehte ein kühlendes Lüftchen und dieses bescherte mir zusammen mit dem kühlen Dosenbier die schönste Zeit des Tages. Diese wurde dann jäh beendet. Ich stieg in den stinkenden Zug Richtung Rheydt, in dem ich meinen Sohn vermutete. Klimaanlage kaputt, Sohn anwesend. Man kann nicht alles haben. In Rheydt aßen wir erst mal ein Döner und ich fragte meinen Sohn ganz scheinheilig, ob er denn Kilkenny kennen würde. „Nein“, bekam ich erwartungsgemäß zur Antwort und daher musste ich diese Wissenslücke sofort beim Ortsansässigen Irish-Pub schließen.
Dort war es angenehm kühl und das Bier schmeckte köstlich. Aber um das Spiel live zu sehen, mussten wir wieder in die schwülwarme Hitze und in den rollenden Brutkasten namens Bus. Im Stadion standen wir auf unserem angestammten Platz, der um diese Zeit noch im Schatten lag. Ein Blick auf den Gegner ließ dunkle Erinnerungen aufkommen. In der letzten Saison hatten wir sämtliche Hoffnungen auf den Klassenerhalt nach dem Spiel gegen Kaiserslautern begraben. An diesem Samstag waren wir Favorit. Aber wie wir am ersten Spieltag gelernt haben, können Favoriten auch stürzen. Die Borussia legte, trotz der Hitze, los wie die Feuerwehr, schaffte es aber nicht das Tempo zu halten. So ging es mit einem torlosen Unentschieden in die Kabine. In der zweiten Halbzeit blieb das Niveau flach, doch wie aus dem Nichts wurde Jantschke schön frei gespielt und flankte den Ball quer durch den Strafraum zu Arango, der die Chance trocken und humorlos zum einzigen Tor des Tages nutzte. Das sind die Momente in denen man vergisst, dass man klitschnass geschwitzt, dämlicher weise noch mit schwarzer Hose, zwischen quarzenden und Alkohol ausdünstenden Menschen steht und diesen vor Freude in die Arme fällt. Unser sympathischer Nachwuchsprolet Bobadilla vergab leider kläglich die Spielentscheidung und so ging mein banger Blick nicht nur zur Grenze zwischen Schatten und Sonne, die stetig näher rückte, sondern auch zur Uhr, die eklig langsam tickte.