Alleine machte ich mich am Samstag mit dem IC auf den Weg nach Hamburg zum Auswärtsspiel. Reiselektüre: „Wir sind alle Isländer“ von Halldòr Gudmundsson. Ein Buch über die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise und die Insolvenz der Banken in Island. Gut zu lesen auch für Leute, die von Finanzwirtschaft keine Ahnung haben. Also auch für mich. Einleuchtend fand ich zwei Thesen. Zum ersten, dass es Island im Jahre 2008 mit dem Zusammenbruch der Banken wie einen Hammerschlag traf und es bei uns hingegen ein schleichender Prozess ist, der von den Politikern geschickt verschleiert wird, um vielleicht doch noch mal wieder gewählt zu werden. Zum anderen, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion das Signal für die Kritiklosigkeit gegenüber dem ausufernden Kapitalismus war. Nachdem ich dies begriffen hatte, ging ich zwischen Osnabrück und Bremen in die Mitropa und gönnte mir ein Bier, welches dort zu Puffpreisen feilgeboten wird. Dort diskutierten Hamburg- und Gladbachfans die wundersame Rettung der Borussia in der letzten Saison und waren sich einig, dass der HSV diesmal die Punkte nötiger hatte als wir. Aber Geschenke? Nein Geschenke machen wir nicht. Ich erblicke auf der Strecke immer, und das obwohl der Zug da ganz schön durchknistert, das Bahnhofsschild von Rotenburg an der Wümme. Dort verstarb 2007 mein Lieblingsschriftsteller Walter Kempowski. Komisch.
Während die Landschaft vorbeisauste, musste ich auch an meinen Freund K, der in Hamburg wohnt, denken. Als ich das letzte Mal zum Auswärtsspiel in Hamburg war, hab ich ihn vom Stadion aus angerufen und wollte ihm in bierseliger Stimmung mitteilen, dass ich nun in Hamburg bin und den Nichtabstieg zu feiern gedenke. Er war sehr kurz angebunden und grummelte irgendetwas mir unverständliches in die Muschel. Einen Tag später telefonierten wir in Ruhe miteinander und er erzählte mir, dass er unheilbar an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt sei. Ich wäre am Samstag gerne mit ihm ins Stadion gegangen aber er war zu schwach dafür. Sein Sohn N, besuchte mit mir das Spiel.

Nach der Ankunft in Hamburg ging ich zunächst in die Spitalerstrasse um ein Fischbrötchen zu essen. Während ich danach am Bahnhof auf N wartete, wurde ich von Bettlern und Schnorrern belästigt. Die übelsten waren die von der Drückerkolonne des Malteser Hilfsdienstes. N erlöste mich mit seinem Eintreffen und ich freute mich, dass er einen Borussiaschal trug. Das kann man von einem in Hamburg aufgewachsenen Jungen nicht unbedingt erwarten Aber die Besuche mit seinem Vater in unserem Borussiapark haben wohl doch geprägt. Ohne Umschweife machten wir uns auf den Weg ins Stadion. Im Block 11C hatten wir zwar eine gute Übersicht über das Spielfeld, konnten aber nicht die gegenüberliegende Anzeigentafel sehen, weil wir vor die Rückseite der vor uns hängenden schauten. Zum Spielbeginn schickte uns K eine SMS in der er uns Spaß und der Borussia Erfolg wünschte. Nachdem sich unsere Borussia 45 Minuten dem schwachen Niveau des HSV anpasste, legte sie in der zweiten Halbzeit gut los und hätte in Führung gehen können. Dies dauerte zwar etwas aber nachdem Igor de Camargo uns den Führungstreffer, der zugleich der Siegtreffer wurde, schenkte, wurden wir von HSV – Sympathisanten mit einer Bierdusche bedacht. Dies nahmen wir lächelnd zur Kenntnis. Man weiß schließlich, wie man sich als Abstiegskandidat fühlt.
Sieg in Hamburg. Wo soll das nur enden mit unserer Borussia? Das war mir eigentlich sehr egal. Es galt den Moment zu genießen. Am Hauptbahnhof verabschiedete ich mich von N, der leidenschaftlich mit unserer Borussia gefiebert hat, und kaufte mir schnell noch ein weiteres Fischbrötchen und eine Dose Bier. Den größten Teil der Heimfahrt schlief ich. Man wird halt nicht jünger und es wurde ja auch schon dunkel. Auch wenn ich an diesem Samstag mit der Borussia gebangt und gejubelt habe. Meine Gedanken waren immer bei meinem Freund K. Und ich weiß, ich werde dieses Jahr noch öfter das Schild „Rotenburg an der Wümme sehen.