Die schlampige Chancenverwertung ließ uns noch bis zum Ende des Spiels um den Sieg zittern aber es wäre ja noch schöner, wenn alles rosarot wäre. Aber irgendwie scheint momentan alles um die Borussia herum rosarot. Auf dem Heimweg sangen die Sieges- und Biertrunkenen Fans beim Umsteigevorgang in Duisburg „Wir fahren weit, wir trinken viel und wir gewinnen jedes Spiel!“ Hier wurde mal eben das Wort verlieren durch gewinnen ersetzt. Weltschmerz sieht anders aus.
Montag, 26. September 2011
Weltschmerz
Am letzten Samstag stand das Heimspiel gegen den ruhmreichen Club aus Nürnberg an. Die Anreise wurde wie immer mit dem Zug bewältigt. Der mich begleitende Nachwuchs bedurfte dringend einer Aufheiterung, da er kürzlich erst eine Zahnspange verpasst bekam. Ich hoffte natürlich auch vor diesem Hintergrund auf einen stimmungsaufhellenden Sieg der Borussia. Ich selber versuchte mich von Àrni Thòrarinsson mit seinem Buch „Todesgott“ zu fesseln. Ein wirklich spannender Krimi steht dort hinten drauf. Das Buch hat knapp 400 Seiten und ich habe bis auf Seite 191 keine Spannung verspürt. Nicht mal gezuckt hat es. Vielleicht wird’s ja noch spannend, mal sehn. Dann ist es aber auch vorbei mit den Büchern aus Island. Dann könnte man mal wieder einen Klassiker zur Hand nehmen „Der Untertan“ von Heinrich Mann vielleicht. Der müsste eh mal wieder gelesen werden. Oder besser noch: einen ganzen Karton davon kaufen und jedes Mal, wenn einer auf der Arbeit eine Schleimspur im Chefbüro hinterlässt, das Buch kommentarlos auf den Schreibtisch des Schleimers ablegen. Damit würde man sich zwar nicht beliebt machen aber es wäre ein Heidenspaß. Das erste Mal habe ich dieses Buch als Jugendlicher gelesen. Nicht weil ich es musste, sondern weil es mir gefiel. Aber ich war ja auch eh ein sonderbarer Knabe. Ich habe R.E.M. gehört, Cordhosen getragen, bin zur Borussia gegangen und hing am Wochenende mit kiffenden Gymnasiasten und trinkenden Auszubildenden herum. Der Weltschmerz war mir also nicht fremd. Obwohl die Borussia vor 30 Jahren, als dort der heutige Nürnberger Trainer Dieter Hecking spielte und von Josef Heynckes trainiert wurde noch recht gute Saisonergebnisse erzielte. Ich habe vollstes Verständnis, wenn sich die Jugend mal hängenlässt und sich in seiner Melancholie suhlt. Grund genug gibt es ja dazu. Aber dann muss es auch irgendwann mal wieder gut sein und der Tatendrang muss zurückkehren. Und wie kann man diesen Drang nach Neuem und Frischem und Wildem und Schönem am besten ausleben, als derzeit in der Kurve im Borussia-Park? Anders kann man den Fußball der dort momentan geboten wird nicht beschreiben. Ich stand in der Nordkurve und ließ mich von der Sonne und dem Spiel der Borussia blenden. Woher kommt eigentlich der Begriff Altweibersommer?