Mittwoch, 5. Oktober 2011

Altweibersommer

Es sollte ein fußballfreies Wochenende werden. Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt einen Blogeintrag mache. Der Titel ist schließlich „Meine Saison mit der Borussia“. Und auch wenn die Borussia am letzten Wochenende keine große Rolle in meinem Leben gespielt hat, will ich weiterhin von den Tagen schreiben, an denen die Borussia gespielt hat.

Am Freitagabend fuhr ich zu meinem Freund K (siehe auch Blogeintrag Rotenburg an der Wümme) nach Hamburg. Er wollte eine Woche Ferien mit seinem Sohn N in Dänemark machen. Die Auswirkungen seiner Krebskrankheit machten es ihm unmöglich selber das Auto zu lenken. Diese Aufgabe übernahm ich. Am Samstagmorgen um halb 6 ging es dann los nach Dänemark.
 K wollte mit seinem Sohn N Angeln und den Spätsommer genießen und ich hatte genug Bücher im Gepäck. Die Fahrt ging gut voran und als es langsam hell wurde, sah man zwar fast nur Nebelbänke, doch man konnte schon erahnen, dass es wieder ein schöner Spätsommertag werden würde.  An der ersten Raststätte in Dänemark gab es erstmal einen Hotdog. Wir mussten ohnehin viele Pausen machen. K konnte einfach nicht so lange im Auto sitzen. Die Beine und der Bauch waren stark geschwollen. Nachdem wir dann noch ein wenig durch Dänemark tuckerten, kamen wir am Zielort an und gingen Einkaufen und den Schlüssel für das Ferienhaus abholen. Wo wir uns auch bewegten, wurde K angestarrt. Kein Wunder. So schmal, so krank, so zerbrechlich. Am Ferienhaus wurden die Klamotten ausgeladen. K ruhte sich aus und ich ging mit N zum Fjord. Ein einsamer Angler saß auf seinem Boot im Nebel. Wir gingen zurück zum Haus und K berichtete davon, dass er nicht schlafen konnte. Dass er Angstattacken hatte. Angst vor der Dunkelheit und vor den Träumen, jedes Mal wenn er die Augen zu machte. Während K unruhig um das Haus ging verfolgte ich mit N das Geschehen der Bundesliga per Videotext. Was anderes hatten wir leider nicht.  Währenddessen bereiteten wir das Abendessen vor. K ärgerte sich noch am meisten über die Niederlage der Borussia. Wir grillten eingelegtes Lammfilet und dazu Kartoffeln und Tomaten. K konnte nichts essen. Kein Appetit. Das tat ihm weh, das leckere Essen zu sehen und zu riechen und nichts davon essen zu können. Wir schauten die Sportschau und regten uns tierisch darüber auf, dass die Niederlage der Borussia nicht nur unglücklich, sondern völlig unverdient war. Diesen Eindruck vermittelte die Sportschau. Und während wir den Tag mit Tatort, Salzstangen und Aktuellem Sportstudio ausklingen ließen, tapste K ständig umher. Konnte nicht einen Augenblick sitzen bleiben. War unruhig. Lief sich die geschwollenen Füße wund. In der Nacht weckte er mich. Konnte nicht schlafen. Wieder diese Angst. Die Angst vor der Dunkelheit. Die Angst vor den Träumen. "Ich hab geträumt, es wäre alles nur ein Traum". Ein schrecklich, schöner Traum. Die Angst vor dem, was unausweichlich bevorsteht. Wir spazierten durch die Dunkelheit und redeten. "Ich hab doch keinen Glauben, an den ich mich klammern kann. Ich habe nur die Realität". K fand in Dänemark keinen Schlaf. Keine Ruhe.

Er angelte auch nicht mehr. Zu unruhig war er.  Wir versuchten noch zur Normalität zurück zu kehren, doch es klappte nicht. Abbruch. Auf der Fahrt nach Hamburg nahmen wir fast jeden Park und Rastplatz mit. Nicht einmal im Auto gelang das Stillsitzen. Die Unruhe blieb. Wir erreichten Hamburg. Für K endete die Reise nach einer weiteren unruhigen Nacht in der Uniklinik Eppendorf. Noch sind Herbstferien in Hamburg. Wie viel Kummer kann ein Junge wie N ertragen? Keine Ahnung. Ich kann nur bewundern,  wie er seinem Vater beisteht und ihm seine Schrullen (nett ausgedrückt) und Nörgeleien (sehr nett ausgedrückt) verzeiht. Ich fahre verwirrt nach Hause. Der Sommer ist nun endgültig vorbei.