Mittwoch, 26. Oktober 2011

Berlin, Berlin, wir wollen nach Berlin


Das gestrige Spiel in Heidenheim kann und sollte man eigentlich schnell abhaken. Hauptsache eine Runde weiter.  Spätestens am Sonntag zur Auslosung der nächsten Runde ist alles vergessen und vergeben. Dann wird das Achtelfinale ausgelost.


Wie schnell dann alles gehen kann, hat man 1995 gesehen. Da trafen wir im Achtelfinale auf Mainz 05 und gewannen 6:4 in einem denkwürdigen Spiel. Währendessen und danach kam es zu Verbrüderungsszenen zwischen Gladbachern und Mainzern. Teile der Gladbacher Fanszene leisteten sich eine jahrelange Liaison mit den Mainzern. Heute findet man solche debilen Annäherungsversuche nur noch in Formaten wie „Schwiegertochter gesucht“. Im Viertelfinale gewann Borussia wieder in einem Heimspiel gegen Schalke mit 3:2.
Im Halbfinale bekam man dann Kaiserslautern wieder als Heimspiel zugelost. In diesem Spiel mussten wir lange zittern, bis uns Heiko Herrlich in der Verlängerung ins Finale schoss. Am nächsten Tag wurde mir auf der Arbeit berichtet, dass ich in der Schlussphase des Spiels andauernd bei der Live-Übertragung eingeblendet wurde. Hoffentlich existieren keine Bilder mehr, die mich  zeigen, wie ich meine Armbanduhr anflehe, dass die Zeit doch schneller vergehen möge. Die Zeit verging und ab dann herrschte die Frage vor: „Wie komme ich an ein Ticket für das Finale in Berlin“. An die konkreten Vergabemodalitäten kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich habe mir direkt beim First Reisebüro auf der Bismarckstrasse eine Busfahrt inklusive Ticket gesichert und habe mich noch gewundert, dass ich dort nicht Schlange stehen musste. Hundert Mark hat mich das gekostet. Für heutige Verhältnisse ein lachhafter Preis. Unter den Dauerkarteninhabern wurde ein Teil des Kartenkontingents als Kaufoption verlost. Bei dieser Zulosung „gewann“ ich ein Ticket. Dieses habe ich dann in Berlin an einen Borussen zum Originalpreis verkauft. Er war glücklich, ich war glücklich…..
Die Busfahrt nach Berlin begann auf dem Realparkplatz in der Nacht von Freitag auf Samstag. Die Stunden bis dahin habe ich mir in der Altstadt vertrieben, so dass ich wohl schon bei Fahrtbeginn ein wenig angeschickert war. Dort bekam man dann auch einen Umschlag mit dem Finalticket überreicht. Das war das Wichtigste, jetzt konnte ich mich entspannt zurücklehnen. Es waren noch viele Biere zu trinken bis Berlin. Neben mir im Bus saß ein hübsches Mädel. Ganz allein unterwegs. Zwar wesentlich jünger als ich aber ganz klar volljährig. Es konnte einem weitaus schlimmeres widerfahren. Ihr Schicksal ging mir nahe. Ihr Freund fuhr wohl auch nach Berlin aber in anderer Gesellschaft und hatte leider ein Ticket für einen völlig anderen Block. Ich glaub, ich war ein bischen verliebt und als sich herausstellte, dass sie im Stadion den Sitzplatz neben mir hatte, habe ich mir schon einen entsprechenden Torjubel im Geiste vorgestellt.

Als wir Berlin am frühen Morgen Berlin erreichten war alles um die Gedächtniskirche herum schon in den Farben der Borussia getaucht und überall traf man Feiernde Borussen an. Wolfsburger suchte man vergeblich. Es war ein warmer und sonniger Tag. Ein Segen für die Aussengastronomie. Mit meinem Busmädel machte ich noch ne Tour durch Berlin. Reisen soll ja auch bilden. Die Reichstagsverhüllung war recht staunenswert. Dieser Christo hat ja auch schon mal eine komplette Inselgruppe in rosa Tüchern gehüllt. Und der liebe Gott wird sich von oben gefragt haben ob er irgendwas falsch gemacht hat oder wie die riesigen Vaginen ins Meer gekommen sein mögen. Trotz solcher Gedanken schaffte ich es doch noch pünktlich ins Stadion zu kommen. Dort gaben die Borussenfans den Ton an. Da drüben, ganz weit weg in der Ecke, sah man ein versprengtes Häuflein von Wolfsburgern. Dies hat sich ja im Laufe der Jahre trotz des Etablierens in der Bundesliga und trotz der Meisterschaft nicht geändert. Ich genoss also die geile Atmosphäre im Olympiastadion und war gleichzeitig aufgeregt, denn so ein Finale kann man ja auch durchaus verlieren. Die Führung durch Martin Dahlin trug ein wenig zu meiner Beruhigung bei und beim 2:0 von Effenberg in der 61. Minute hatte ich die Busschönheit im Arm und Pippi in den Augen. Wäre ich in der Lage gewesen, das Spiel neutral und sachlich zu betrachten, dann hätte ich wohl erkannt, dass da nichts mehr anbrennen kann. So wurde ich erst in der 86. Minute durch das 3:0 von Heiko Herrlich erlöst. Der Rest war Freudentaumel. Meine Tagesbegleitung traf sich vor dem Stadion mit ihrem Freund und ich blieb zurück und schaute mir die Siegerehrung an. Überall Jubel, Freudentränen und Umarmungen. Selbst Moe Syzslak hätte hier leicht Körperkontakt herstellen können. In der Innenstadt habe ich mich dann zu den dort Feiernden Borussen gesellt. Um Mitternacht fuhr der Bus Richtung Heimat. Der Platz neben mir blieb frei. Sie wusste wohl doch, wo sie hin gehört. Ich versuchte mich in den Schlaf zu trinken aber es gelang mir nicht. Stinkend, schlaflos und verkeimt kam ich zu Hause in Kleinenbroich an. Schön, dass der Bahnhofsgrill schon auf hatte. So konnte ich vor dem Schlafengehen noch ein leckeres Gyros essen. Die Siegesfeiern in Mönchengladbach habe ich verpennt. Aber das war mir egal. Ich war dabei. Und ich will bitteschön noch einmal dabei sein. Also, ihr Jungs in Weiß, die ihr das Postbank…äh, die Raute, auf der Brust tragt: Noch drei Siege bis Berlin. Das wird doch wohl zu machen sein…………