Dies verschaffte mir Anerkennung bei den älteren Kuttenträgern, die ich mir zum Vorbild auserkoren hatte und die gezuckerte Kräuterplörre hüllte den Körper und den Geist zur Winterszeit in einen wohligen Nebel. Jaja, früher war zwar nicht alles besser aber vielleicht ein wenig ungezwungener. Wenn ich heute dem Nachwuchs erzähle, dass ich mich daran erinnern kann, dass Menschen Bierkisten mit auf den Bökelberg gebracht haben, sehe ich nur offene Münder. War aber praktisch. Man hatte ein Getränk dabei und konnte sich in die letzte Reihe auf den Kasten stellen und prima das Spiel verfolgen. Dann wurden die Kontrollen strenger. Machte aber nichts. Am Bierstand genau auf der Ecke von Ostgerade und Nordkurve stand man schon ein wenig erhöht zum Stadionvorplatz. Dort war dann hinter dem Bierpavillon eine beliebte Stelle um ein paar Bierpullen durch den Zaun zu stellen und zwischen zu lagern. Ich habe dies immer gern beobachtet und die Zeit bis der rechtmäßige Besitzer zu seinem Bier kam genutzt, um mich zu bedienen. In 90 Prozent der Fälle kam ich mit meiner Unschuldsmiene durch. „Bier, hier hat Bier gestanden? Mmh, da hat sich grad jemand gebückt und ist gegangen. Keine Ahnung, wo der hin ist.“ Nur die Jungs vom Bierstand hatten alles gesehen und stellten mir mit einem wissenden Lächeln noch ein Bier hin. So konnte ich das ergaunerte Flaschenbier mit in die Kurve nehmen. Mit zunehmendem Alter wird die Biertrinkerei wegen der lästigen Blasenschwäche immer mehr zur Qual.
Man steigt auf hochprozentigen Alkohol um. Das hat natürlich den Vorteil, dass man sich während des Spiels nicht durch die Menschenmassen der Stehtribüne zum Lokus quälen muss. Bisweilen werden aber gewisse Personen aus der Kurve zum Klo geschickt, weil doch bei deren Abwesenheit immer ein Tor fällt. Außerdem kann man einen Flachmann wunderbar vorne in die Hose stecken und schon hat man sein wärmendes Getränk im Stadion drin. Mit diesen Erinnerungen in meinem Kopf fuhren wir am Sonntag zum Hinrundenabschluss gegen Mainz nach Mönchengladbach. Unterwegs las ich das Buch „Die Verrückten Flanagans“ von Elisabeth Kelly. Der Titel ist ziemlich abschreckend, klingt er doch wie ein heiterer Familienroman. Heiter ist er wirklich. Oft sogar witzig. Trotzdem ist er auch sehr ernst und lässt den Leser in eine düstere Seele schauen, die mit einer Schuld nicht klar kommt. Da hilft es auch nichts, dass die Familie in Geld schwimmt und sich allerlei Verrücktheiten, man kann es auch Allüren nennen, leistet. Lesenswert. In Rheydt angelangt haben wir beim Iren traditionell (wenn man was zum dritten Male macht, ist es wohl eine Tradition) ein Kilkenny getrunken. Vor dem Stadion, der Beton strahlte schon eine eklige Kälte ab und der Wind suchte auf penetrante Art freiliegende Hautstellen, traf ich Radi vom Fanclub Nerve Blank und durfte ihm überteuerte Aufkleber abkaufen. Ich weiß gar nicht, was ich damit machen soll. Isch abe gar kein Auto. In der Kurve gings dann mit den Temperaturen. So eine Menschenmasse strahlt ganz schön was ab. Nur an den Füssen fühlte es sich an, als würde man barfuss auf dem Beton stehen. Leider hatte ich keinen Flachmann dabei und das Spiel trug auch nicht zur Erwärmung bei. Ich glaube man kann sogar behaupten, dass es das schlechteste Heimspiel dieser Saison gewesen ist. Viel zu viele Fehlpässe und Ungenauigkeiten. Der gewohnte -man gewöhnt sich schnell- Spielfluss war nicht vorhanden. Glücklicherweise waren unsere Jungs in der Lage eine der drei Chancen zu nutzen und die Mainzer zu blöde eine ihrer wenigen Chancen zu verwerten. Erfreulich war, dass das Gladbacher Publikum beim Heraustragen des verletzten Ex-Borussen Svensson aufmunternden Applaus spendete. Der Schiedsrichter hat uns einen klaren Elfer verwehrt, hat diesen Fehler aber dadurch wett gemacht, dass er die personifizierte Arroganz Tuchel auf die Tribüne schickte. So beendeten wir die Hinrunde mit einem glücklichen Sieg. 33 Punkte zum Ende der Hinrunde. Zum gleichen Zeitpunkt der letzten Saison hatten wir 10 Punkte. Und am Ende der Saison hatten wir 36 Punkte. Ich versteige mich nun zu der kühnen Prognose, dass wir diesmal mit dem Abstieg nichts zu tun haben werden. Verdoppelt man nun die bisherige Punktzahl, erahnt man was passieren könnte. Das sind erwärmende Gedanken. Trotzdem: beim Spiel gegen Schalke zieht der Nachwuchs eine die Ohren wärmende Mütze an. Basta!
